„Alejandro“ von Lady Gaga: Von der Unmöglichkeit des Weiblichen

Veröffentlicht: Juni 16, 2010 in Philosophie, Popkultur und Freiheit
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Musikvideos sind Teil der Massenkultur geworden. Die meisten kann man schnell übergehen, nur selten ist etwas wirklich Schaubares dabei. Lady Gaga gehört zu den wenigen Künstlern, welche dank fähiger Leute wie Jonas Åkerlund meistens brauchbare Videos abliefern. Auch ihr letztes Output unter der Regiearbeit von Steven Klein macht einiges her, obwohl der Song selbst, zugegeben, sehr schwach ist.

Die naive Leseart des Videos hat in konservativen Kreisen bereits für Aufreger gesorgt, doch steckt in dem Musikfilmchen mehr drin. Ich ignoriere hier, ganz im Sinne von Barthes, das, was Gaga und Klein selbst dazu gesagt haben – und versuche mich an einer radikalfeministischen Interpretation.

Das Video spielt mit dem alten Dual Heilige-Hure. Gaga (bin ich der Einzige, der den Künstlernamen für verfehlt hält? …egal…) verkörpert erstens die Unnahbare, welche zu ihren Männern Distanz hält, zweitens aber auch die Extrovertierte, welche von Bett und von Mann zu Mann hüpft. Diese Zweiteilung ist allerdings eine männliche Projektion, denn es ist die Phantasie des Mannes, welche zwar einerseits eine lockere Bettgefährtin wünscht, diese aber nicht überall herumvögeln soll, besser also als heilige Madonna gleichsam die Nymphomanin nur für ihn sein.

Nun ist dabei das Problem, dass diese Dualität, als männliche Phantasie, nicht zu dem gehören kann, was die weibliche Phantasie ausmacht. Diese suchen wir im Video vergebens (wir werden noch sehen warum), das Bild wird beherrscht von der männlichen Phantasie, welche sich in ihrer absoluten Form, dem Krieg, gipfelt. Der Militarismus ist in seiner Konformität die immanente Kultur fehlgeleiteter Männlichkeit, wenn sie nur sich selbst überlassen bleibt. Dass diese auch durch das Weibliche als Objekt der Begierde entsteht (denken wir nur an Mythologie, Helena und Troja, oder auch an das Kreative und Erschaffende des männlichen Erfindungsgeistes, welches häufig im Militär Verwendung fand), steht in Kleins Video deutlich im Raum.

Begehren heißt, dass man innerhalb eines gegebenen Kontextes, einer Gesellschaft, also eines Symbolraumes, begehrt. Dieser Symbolraum ist in „Alejandro“ ganz klar männlich geprägt. Gaga übernimmt dabei nicht die Figur einer Gegenkultur, dies wäre allzu simpler Spice-Girls-Trash (und zudem widersprüchlich), nein, sie ist Teil dieser Symbolik und kostet zunächst ihr auferlegtes Begehren aus. Das Video handelt nun davon, dass genau diese Grenze gesprengt wird, indem dem männlichem Blick entgangen werden soll. Da sowohl die Hure als auch die Heilige männliche Phantasmen sind, bleibt die Frage nach der weiblichen Rolle, der weiblichen Sexualität und dem weiblichen Begehren. Wenn Gaga in der einen Tanzszene einen BH trägt, der befestigte Maschinengewehrläufe hat, dann ist dies zwar eine plumpe Visualisierung von den „Waffen der Frau“, aber gleichsam ist sie in der Szene eingekreist von Männern in schwarzen Lederuniformen. Dieser weibliche Phallus passt sich der Metaphorik der sie umgebenden Männer an, es ist demnach keine richtige Macht, sondern eine durch den Mann definierte. Die symbolische Ordnung ist weiterhin männlich und die Frau ordnet sich dieser Symbolik unter. Die „Waffen der Frau“ existieren nur, weil der männliche Blick sie so definiert hat. Damit kann sie sich nicht aus dem patriarchalen Symbolraum befreien, ohne selbst wiederum in das Objekthafte des männlichen Blickes zu verfallen. Die männliche Militärmetaphorik kann nicht Ausdruck weiblicher Phantasie sein. Das im Video gezeigte Begehren erscheint nur dem Weiblichen zugehörig, weil es im männlichen Symbolraum stattfindet, d.h. das Weibliche-selbst außen vor lässt. Da dem Weiblichen durch diese Dominanz der Ausdruck fehlt, richtet sich das weibliche Pseudo-Begehren nach dem männlichen.

Neben dem Militär ist die organisierte Religion der wohl paradigmatischste Männerclub überhaupt. Religion lässt sich auf das Anbeten des Männlichen reduzieren: Anbeten des Vaters, Anbeten des Schöpferischen, Anbeten der Hierarchie, des Oben und Unten. Und Anbeten einer absoluten Deutungshoheit über die Gläubigen durch das Dogma. Somit ist es kein Wunder, dass in diesem Musikvideo auch mit dem Thema Kirche gespielt wird. Als fast schon entmenschte Nonnen-Puppe liegt Gaga auf einem schwarz bezogenen Bett und scheint den Rosenkranz zu beten. Doch ist gerade die Kirche in ihrem Verständnis von Weiblichkeit alles andere als offen. Die oberen Hierarchien werden von Frauen niemals erreicht, an gewissen Tagen im Monat gelten sie als unrein und überhaupt scheint Sex für sie eine größere Sünde zu sein als für Männer.

Wenn sich, nach den, nur wenig als Tanz verschlüsselten, Sexszenen, Gaga als Nonne präsentiert, ist dies einerseits der Versuch einer Spaltung zwischen dem Sexobjekt hin zu einer extsexualisierten Symbolik. Andererseits ist aber gerade in dieser vermeintlich sexfreien Antithese das Hauptaugenmerk geradezu auf die Sexualität fixiert. Die Latex-Nonne ist daher auch nicht als Enthaltsamkeitssymbol zu verstehen, sondern, ganz im Gegenteil, als Sexualobjekt, das gerade durch das Fehlen von Sex erotisch aufgeladen wird und somit in der, zugegebenermaßen armen, männlichen Phantasie einen ganz besonderen Stellenwert bekommt. Das Verschlingen des Rosenkranzes ist das Aufgehen in dieser Schuld, deren Ursache eben nicht das immanent-weibliche, sondern gerade das Männliche in seiner Hoheit über die Definitionen von Schuld ist. Dieser Versuch des Weiblichen innerhalb des männlichen Symbolraumes einen eigenen Raum zu erzeugen, scheitert, da sich dieser Raum immer nur innerhalb des Männlichen befindet, ja sich nahezu durch diesen definiert.

Das Video spielt ebenso mit einer stark homoerotischen Komponente. Das Männerbündleriche trägt diese Komponente immanent in sich, da das eigene Hochhalten von Männlichkeit und gerade die Exklusion des Weiblichen quasi ein Anbeteten seiner Herr-lichkeit selbst darstellt.

Am Ende bleibt der Weiblichkeit nur die Selbstaufgabe. Um dem männlichen Symbolraum zu entkommen, bedarf es entweder einer eigenen Symbolwelt oder, und da ist die Bildsprache des Videos radikal, es gibt keine (mehr?), da die Dominanz der patriarchalen Imagination jede weibliche Andersartigkeit verdrängt hat. Die Identitätssuche endet daher in der einzig möglichen Befreiung, der Selbstvernichtung. Damit verbunden ist die Vernichtung der männlichen Konstruktion des Weiblichen.

Worin das Weibliche außerhalb der männlich konnotierten Konstruktion bestehen könnte, darüber schweigt sich das Video aus – und gerade in dieser Abwesenheit liegt ein wesentliches Moment. Das ganze Video über erleben wir extrovertiertes Geschehen, es ist nichts Intimes bei den Bildern. Durch dieses strikte Fehlen von Intimität, dafür ein nahezu obszönes Ausschöpfen dessen, was ich jetzt mal Ex-timität nenne, drängt sich dieser Widerstreit zwischen Ruhe und Exzess auf, zwischen Geborgenheit und ausufernder Gefahr, zwischen Wahrung des Raumes und Extension nach Außen. Oder eben die Differenz zwischen Passivität und Aktivität, Einstecken und Austeilen.

Das Video endet mit einer Selbstverbrennung, symbolisch dargestellt durch den Filmriss; der Blick auf das Video als Film verdeutlich den Gedanken des Verobjektivierten. Durch das Zerstören der männlich-imaginierten Objekthaftigkeit des Weiblichen wird der Weg erst frei für eine eigene weibliche Konstruktion außerhalb des männlichen Symbolraumes: der Konstruktion des weiblichen Subjekts.

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