Deutschland ein Vorrundensommermärchen

Veröffentlicht: Juni 24, 2010 in Religion
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Sieg und Niederlage sind nicht nur Begriffe der Eroberung und des Krieges, sondern auch des Spieles. Im Spiel kennt man keine Freunde außerhalb der eigenen Farben und somit wird jedes Mannschaftsspiel zur militaristischen Kleinstübung. Ein Krieg dauert 90 Minuten.

Sieg und Niederlage sind keine Begriffe unter Freunden.

Die Heimatfront (aka „Fans“) fiebern lautstark und gelegentlich gewaltsam mit. Während früher Spiele um das Gefallen der Götter ausgetragen wurden, geht es heute um das Gefallen der Massen. Der „kleine Gott“, der Konsument muss bei der Stange gehalten werden, mit seinem Obolus fällt das Urteil über eine ganze Branche. Und über den Absatz der Fahnen innerhalb des eigenen Landes.

Wer sich vom Fußball mitreißen lässt, tut dies weniger wegen des Fußballspiels oder der Spieler. Er tut es wegen den Anderen und dem gemeinsamen Ritual. Diese Droge des gemeinsamen Erlebens (oder im Nachhinein gemeinsamen Besprechens, also Wieder-lebens) mit Anderen, bleibt in symbolhafter Erinnerung, indem man sich mit den Nationalfarben schmückt. Man gehört dazu. Der Anlass dieses Dazu ist also weniger das Spiel, sondern die Zugehörigkeit, die Dazugehörigkeit zu einer Masse von Gleichgesinnten.

Bereits vor dem gestrigen Spiel sah man Fahnenträger in eine Richtung laufen, Schwarz-Rot-Gold auf der Wange und dem T-Shirt, bereit zum Ritual um den flimmernden Altar. Es wird gebetet, gehofft und sich berauscht. Die Straßen waren leer. Aber von überall aus den geöffneten Fenstern kam das Geräusch von Vuvuzelas, Kommentarfetzen, anschwellender und abnehmender Singsang, das HareKrishna der Fußballfans. Nach der Fürbitte und dem Gebet wird dem Deutschlandfußballgott gehuldigt, indem noch auf deutsches Liedgut getanzt wird. Nein, keine Heimatmelodie, Westernhagens „Sexy“ dröhnt aus einer Nebenstraße. Und Scooter. Danach zeigt man den Gottheiten seine Ergebenheit, man hupt. Autokorsos ziehen selbst in kleinen Städten durch die Straßen und zeigen all jenen, welche nicht am Ritual teilgenommen haben, dass man den Gegner besiegt hat. Man hat sich das Recht erkämpft zu feiern, denn man war eine treue Heimatfront. „Unsere Jungs“, obschon im Manneshalter bleiben sie die „Jungs“, haben den Gegner in Grund und Boden gestampft, der nächste soll nur kommen, der Fan steht „wie ein Mann“ hinter seinen „Jungs“ und wehe man tut etwas, das den „Jungs“ schadet. Schiedsrichter sind besonders im Auge der „Jungs“-Aufpasser. Und Trainer.

Am Tage danach, wenn die Messe ein Erfolg war und der Fußballgott seine Gläubigen mit einem Erfolg gesegnet hat, tragen Manche mit Stolz ihre Insignien. Sie gehören dazu, sie waren dabei, als dem Anderen gezeigt wurde, wessen Gott den Längsten hat. Was sonst lächerlich wirkt, wird nun mit Stolz ans Fenster gehängt, an den Wagen oder ans Fahrrad. Gleich doppelt flatterten kleine Fähnchen und der Radler hatte um den Hals eine Hawaii-Blumenkette in Schwarz-Rot-Gold, wie sie andere um den Rückspiegel wickeln, an jedem Fenster weitere Fähnchen, Fähnchenaufkleber. Sogar Hunde bleiben nicht verschont: das Herrchen im Deutschlandtrikot, der Hund mit Deutschlandfähnchen um das Halsband. Deutscher Schäferhund übrigens. Wie bereits vor vier Jahren „darf der Deutsche“ endlich wieder. Er darf wieder „Ja“ sagen.

Und vielleicht hat der eine oder andere seinen inneren Reichsparteitag beim gegrölten „Ja!“ auf die Frage: „Wollt ihr das totale Fußballspiel?“

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