Self-fulfilling prophecy

Veröffentlicht: Juli 10, 2010 in Allgemeines
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Je mehr Menschen um eine Sache wissen (ob sie nun wahr oder falsch ist, spielt keine Rolle), desto mehr können etwas gegen oder für sie unternehmen. Glaubt man. Die Krux liegt beim „könnten“, Konjunktiv. Denn je mehr Menschen eine Sache einsehen, desto weniger kämpfen prozentual dafür. Der homo apolitikus ist nicht mehr so zu mobilisieren wie zu anderen Zeiten. Glücklicherweise. Vielleicht.

Verhält es sich nicht ähnlich mit der Shock-Doctrine? Naomi Klein fühlte sich 2007 ganz mutig, als sie, kurz nach dem Tod von Milton Friedman ein Pamphlet gegen ihn veröffentlichte, dessen Hauptthese darin lag, dass Krisen dazu ge- oder auch missbraucht werden, um radikale Reformen durchzusetzen. Doch ist dem so? Je mehr warnern, desto lauter wird das Stimmengewirr. Wie beispielsweise am Leitmotiv der Klimakonferenz gesehen wurde, war, trotz einhelligem Konsens überall, das Ergebnis gleich Null. Ebenso sieht es mit der Wirtschaftskrise aus, Regulierungen werden wohl nur kosmetischer Natur sein, zu einer radikalen Änderung, wie sie von den vielen durcheinander schreienden Stimmen gefordert wird, wird es nicht kommen. Und daran trägt nicht zuletzt die „Alles-schlecht“-Fraktion eine Mitschuld, denn das ständige Warnen vor Katastrophen hat dieselbe Funktion wie beispielsweise G.W. Bushs ständiges Warnen vor Terroranschlägen. Durch das Etablieren des momentanen Zustandes als stetiger Ausnahmezustand, wird gerade nicht eine kritische Sichtweise auf die Welt eröffnet. Ganz im Gegenteil, es wird der momentane Zustand untermauert und als sich ewig hinziehender Abgrund zelebriert.

Man kann sich sogar fragen, ob die Nachricht der Shock-Doctrine nicht selbst eine Form der Shock-Doctrine ist. Indem beispielsweise dem Liberalismus eine Shock-Doctrine herbeigesagt wird, werden gerade die Mechanismen der Shock-Therapie angewendet. In der stetigen Forderung, dass sich etwas ändern muss, kann sich der Einzelne zurücklehnen und seinen Nächsten machen lassen. Und wer sich auf den Nächsten verlässt, wird in ideologischen Fragen enttäuscht werden. Die Kids, die dann mit Steinen werfen sind der einzige mögliche Ausdruck einer Revolte, deren Risiko niemand eingehen will. Doch darauf kann niemand aufbauen. Die Drecksarbeit soll immer von jemand anderem gemacht werden, aber danach will jeder mitreden. Nur gibt es, dank den Rufern, nein, nicht in der Wüste, ganz im Gegenteil, den Rufern vor zujubelnder Menge, kein „danach“.

Dies ist das Paradox, dem die intellektuelle Linke heutzutage entgegentreten muss, um überhaupt irgendwie etwas ändern zu können. Denn sie verbleiben weiterhin in dem, was sie vorgeben zu bekämpfen und unterstützen sogar aktiv die Festigung dieses Paradoxes. Dadurch, dass die alleinige Ideologie das Sich-Verändern-müssen bei gleichzeitigem Behalten des Erreichtem ist, bewirkt eine Drohung wie die einer Shock-Doctrine genau jenen unerwünschten Zustand der Unmöglichkeit einer Veränderung, der sie inhaltlich entgegen treten möchte. Dabei wird die konkrete Ausrichtung davon übersehen, sie löst sich in Hintergrundrauschen auf, während selbstgefällig darauf vertraut wird, dass man doch etwas gesagt habe. Die Shock-Doctrine als Urheber und Beruhigung ihrer selbst.

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Kommentare
  1. nestor sagt:

    Dazu passend folgendes Zitat von Frau Klein:
    „Do we want to save the pre-crisis system, get it back to where it was last September? Or do we want to use this crisis, and the electoral mandate for change delivered by the last election, to radically transform that system? We need to get clear on our answer now because we haven’t had the potent combination of a serious crisis and a clear progressive democratic mandate for change since the 1930s. We use this opportunity or we lose it.“
    (gefunden hier: http://reason.com/blog/2009/08/21/naomi-klein-i-support-the-shoc )

    Der Widerspruch zwischen beiden Aussagen: „Die Neoliberalen missbrauchen den durch die Krise ausgelösten Schockzustand, um radikale Reformen durchzuführen.“ – „Wir Linken müssen den durch die Krise ausgelösten Schockzustand nutzen, um radikale Reformen durchzuführen.“, ist dabei nur ein scheinbarer (gibt aber gut die Verlogenheit der Kleinschen Argumentation wieder). Tatsächlich will Klein wohl eher ein linkes Monopol auf „radikale Systemänderungen“ zurückgewinnen – denn ist es nicht so, dass die etablierte Linke seit Jahrzehnten eher damit beschäftigt ist, „Errungenschaften“ zu verteidigen, also letztlich aller „radikaler“ Rhetorik zum Trotz, ein konservatives-konservierendes Programm verfolgt, während der von den Linken so genannte Neoliberalismus in der Realität Systemänderungen durchzieht. Der Witz dabei ist dann noch, dass eigentlich „Marktradikale“, die einen reinen Laissez-faire-Liberalismus vertreten, theoretisch ja eigentlich von einer „Shockdoktrin“ am weitesten entfernt stehen, insofern eine wirtschaftliche Krise als bloße Marktbereinigung verstanden wird. Am besten würde man folglich in der Krise fahren, indem man politisch gar nichts macht, und die Selbstheilungskräfte der Märkte nur mal machen lässt, ansonsten man Fehlinvestitionen fördert usw.

    Übrigens ist auch noch interessant zu sehen, dass Friedman und Klein sich eigentlich an die gleiche Klientel wenden, d.h. den linken Studenten: Friedman spricht als Illustration der von ihm skizzierten Möglichkeit des politischen Paradigmenwechsel in der Krise (also nach Klein der „Shock-Doktrin“) über die Abschaffung der Wehrpflicht. Als er dies 1962 in der Erstauflage von „Capitalism and Freedom“ gefordert habe, sei dies noch eine reine Außenseiterposition gewesen, jedoch habe der Vietnamkrieg insbesondere bei den Studenten zu einem Bewusstseinswandel geführt, der schließlich ermöglicht habe, dass, das was 1962 noch politisch unmöglich erschien, 1973 schließlich politisch unausweichlich wurde und die Wehrpflicht tatsächlich abgeschafft wurde. Jedoch könnte man Klein so auslegen, dass Friedman hier die Erregung der (linksorientierten) Studierendenschaft über den Vietnamkrieg „missbraucht“ hat, um die eigene „neoliberale Agenda“ durchzusetzen etc.

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