Inception

Veröffentlicht: August 18, 2010 in Kultur, Popkultur und Freiheit
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Was wurde nicht alles über Nolans neuen Film gesagt und geschrieben, kompliziert sei er, etwas ganz Neues, blabla. Da ich – ja, ich steh dazu – gerne klugscheiße und heruminterpretiere, habe ich mich natürlich auf den Film gefreut, auch wenn der massive Gebrauch von Superlativen selbstverständlich skeptisch stimmt. Und tatsächlich: Die Kritiken sind interessanter als der Film selbst. Dabei ist „Inception“ beileibe kein schlechter Film, nur ist er leider eine weitere Wiederholung von Welt am Draht.

Den Inhalt werde ich hier nicht nochmals erläutern. Die Struktur ist sogar recht einfach, da die Prämisse, nämlich das Eintreten in andere Räume (seien diese nun virtuell oder traum-haft), schon häufig als Ausgangspunkt diente. Aber außerhalb dieser Prämisse kommt nicht wirklich Revolutionäres dazu. Diese Art Schlüsselbrett-Plot (wo man Storyelemente nach Belieben dran hängt) wird leider nicht gebrochen. Das wäre aber notwendig gewesen um dem Film noch den nötigen Biss zu verleihen und um ihn zum angekündigten Donnerschlag zu machen. Es wird Nolan zugute gehalten, dass er auf Verwirrspielchen verzichtet. Prinzipiell kann man dem zustimmen, Verwirrung wird gerne gestiftet um den Anschein des Intelligenten zu erwecken, aber andererseits betreibt gerade diese Klarheit im Film eine Trennung zwischen den Ebenen, welche, wenn man eine psychologische oder soziologische Interpretation wagen möchte, der Sache nicht gerecht wird. Dieses Problem gab es auch schon bei „The Matrix“, die Radikalität der Umsetzung fungierte als versteckter V-Effekt: der Zuschauer wird als Zuschauer erkannt und auch wiedergegeben, d.H. dass der Film nicht einmal als Parabel funktionieren kann, da er nicht auf eine Realität verweist, sondern als Matrix, resp. als Traum bestehen bleibt. Und dort findet „Inception“ wohl auch seinen besten Interpretationsansatz: Es ist ein Film über den Film und die Funktionsweise als Film, Traumfabrik eben. Wenn bereits zu Anfang Cobb die Anwesenden fragt, ob sie sich erinnern, wie sie in den Raum gelangt sind, so ist dies auch eine Frage an die Imagination des Zuschauern, welcher im Film in eine Szene geworfen wurde. Er nimmt die Szene einfach so hin, Cuts werden vom Zuschauer verstanden. Was da genau passierte interessiert uns als Zuschauer nicht, wir verstehen den Code. (Man vergleiche dazu auch die Folge No Reason der Arztserie House, welche ebenfalls gekonnt mit diesen Mitteln spielt.) Dazu passt auch das Ende, das für den Zuschauer mit einer offenen Frage endet: Fällt der Kreisel oder nicht? Dies mag vielleicht ein 08/15-ScienceFiction-Ende sein, ist aber wohl notwendig um die Illusion an die Illusion aufrecht zu erhalten. Ein Film, welcher den Traum (Film) und auch den Träumer (Zuschauer) zum Thema hat, erlaubt kein anderes Ende. Definitives würde bedeuten, dass der Traum seinen Abschluss findet. Dies ist aber nicht der Fall, spätestens bei nächten Traum (Film) beginnt es von vorne – oder eben auch mittendrin.

Trotzdem ist „Inception“ gutes Unterhaltungskino. Nur wünscht man sich an manchen Stellen mehr Mut von Nolan. Besonders wenn man sich die Traumstrukturen ansieht, sind diese zu normal um als Träume durchgehen zu können. Wo sich Paris zur Pizza Calzone biegt, zeigt das mögliche Potential aber leider bleibt es dabei: die häufig eintretende Absurdität innerhalb von Träumen kommt nicht vor. Wer dieselbe Thematik intelligenter und abgedrehter mag (dafür andere Schwächen in Kauf nehmen muss) kann mal bei „Paprika“ reinschauen:

„Inception“ gesellt sich daher eher in eine Reihe mit Filmen wie „Welt am Draht“, „Bladerunner“, „Total Recall“, „eXistenZ“, „Vanilla Sky“, „The Matrix“ oder dem Bergsteigersketch von Monty Python. Handwerklich sehr gut umgesetzt ist es aber bei weitem nicht die versprochene Revolution. Nicht einmal von Evolution kann man sprechen, dazu kommt der Film mindestens zehn Jahre zu spät. Aber er macht Spaß und ist trotz seinen 148 Minuten kurzweilig. Nur dass dies als Höhepunkt des Zumutbaren für den Mainstreamzuschauer gelten soll, stimmt etwas nachdenklich.

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Kommentare
  1. michaela sagt:

    Hm, ich finde manchmal kann man Unterhaltung auch einfach Unterhaltung sein lassen. Mag sein, dass Nolan mit Inception das Rad nicht neu erfunden hat. Trotzdem gefällt mir – als wahrscheinlich Mainstreamzuschauer – die Gratwanderung, die der Film vollbringt. Anhaltende Spannung zu erzeugen, ohne zuviel auf Horror-, Psycho- oder Splatter-Effects zu setzen, ist meines Erachtens z.B. eine Kunst. Wenn das dann gleich „Mainstream“ ist – sei’s drum.
    Mir hat der Film Spaß gemacht :-)

    • JayJay sagt:

      Unterhaltung auch einfach Unterhaltung sein lassen

      Kann man. Für mich haben nur Fragen, die über das reine kurzweilige Vergnügen hinaus gehen, mehr Spannung. Das simple Konsumieren von Filmen ist doch langweilig.

      Anhaltende Spannung zu erzeugen, ohne zuviel auf Horror-, Psycho- oder Splatter-Effects zu setzen, ist meines Erachtens z.B. eine Kunst.

      Naja, da gibt es gleich viele Beispiele. Psycho-Effects sind aber ganz viele im FIlm. Und Horror- oder gar Splattereffekte machen keine Spannung, sondern nur Schock-Momente.

      Wenn das dann gleich „Mainstream“ ist – sei’s drum.

      ?
      Mainstream ist kein Schimpfwort, sondern nur eine Bezeichnung für Filme, welche nicht nur eine Gruppe ansprechen soll, sondern so ziemlich alle. Und ein Regisseur, der bereits mehrere Blockbuster gemacht hat, ist per se Mainstream, weil die Masse der Leute sich anschauen will was er macht.

      Mir hat der Film Spaß gemacht :-)

      Mir auch. Aber andere Filme haben mehr Spaß gemacht.

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