Es muss ein Ruck…

Veröffentlicht: Oktober 13, 2010 in Offene Gesellschaft, Pluralismus
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Der Spiegel veröffentlichte dieser Tage die Ergebnisse einer Umfrage der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung zu Rassismus und Nationalismus. Die Resultate dieser Umfrage sind alles andere als überraschend. Die ganze Studie gibt es hier.

Den Satz „Ich kann es gut verstehen, dass manchem Leuten Araber unangenehm sind“ befürworten 55%, ganze 10 Prozentpunkte mehr als vor 5 Jahren. Ob dabei wirklich diese Leute negative Erfahrungen mit dem Islam gemacht haben, oder ob sie nur die selektive Wahrnehmung aus den Medien kennen, sei mal dahingestellt. Wenn in den Medien vom Islam gesprochen wird, werden stets Randpositionen gegenüber gestellt. Dass dabei der gut integrierte nicht viel mit den Radikalen zu tun hat, beide sich aber unter dem Banner „Islam“ positionieren, macht die Sache kompliziert. Und die Radikalen bleiben eher im Gedächtnis, denn sie sind es, die den meisten Raum einnehmen. Des weiteren betreiben die bekannten Foren, Newsgroups und Blogs (Links erspare ich mir) selektive Auswahl. Wenn mehrmals täglich über die Fehler der Linken und Schandtaten der Radikalen berichtet wird, entsteht das Bild, dass das die Norm ist. Wenn ich beispielsweise einen Blog übers Knobeln machen würde, und ich nur rein schreibe, wenn ich eine Sechs würfele und andere eine Eins, hätte der Leser schnell den Eindruck, ich hätte sehr viel Glück beim Würfeln, obwohl das gar nicht der Fall ist.

Der Aussage „Für Muslime in Deutschland sollte die Religionsfreiheit erheblich eingeschränkt werden“ stimmen 58,4% zu. Es fällt mir schwer diesen Satz zu interpretieren, denn Religionsfreiheit ist als Ausdruck von Meinungs- und Handlungsfreiheit ein Grundpfeiler der Aufklärung. Dass sich jede Religionsausführung innerhalb der bestehenden Gesetze bewegen muss, sollte klar sein. Die Forderung nach einer Einschränkung besteht also auf einer anderen Ebene. Hier tritt offen zu Tage, dass die Mehrzahl der Deutschen das Fremde nur akzeptiert, wenn es sich so verhält, dass es ihnen nicht auffällt. So, wie der Satz formuliert ist, kann man eine Befürwortung nicht rechtfertigen, ohne dabei xenophobes Gedankengut zu offenbaren. Das Interessante dabei: auch jene, welche sich von dem rechten Politrand distanzieren, stimmen den Sätzen zu über 53% zu.

„Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“ erhält 35,6% Zustimmung. „Die Ausländer kommen nur hierher um unseren Sozialstaat auszunutzen“ erhält 34,3% Zustimmung.Wie kann man einen solchen Satz vertreten, ohne dabei xenophob zu sein? Meines Erachtens geht das nicht. Die sicherlich existierenden Fälle erlauben keine Verallgemeinerung dieser Art.

Ich will jetzt nicht die ganze Statistik wiedergeben, das kann jeder sich selbst anschauen, doch scheint sie einen Trend anzuzeigen: Ein Drittel der Deutschen hegt xenophobe Gefühle. Die aktuelle Diskussion um Sarrazin und Co. scheint dies zu beschleunigen, denn dadurch können diese Irrationalitäten im Nachhinein rechtfertigt und statistisch gestützt werden. Auch Statistiken sind zu hinterfragen, und besonders in der sogenannten „Islamdebatte“ werden die verschiedenen Gruppen nicht individuell betrachtet, sondern in einen Topf geworfen. Idiotische Vorschläge wie Deutschpflicht auf Schulhöfen sind nicht einmal Symptombehandlung sondern purer Aktionismus. Nein, das bedeutet nicht, dass man Statistiken verschweigen sollte, doch sollte man sich hüten sie nur in dem Sinne zu lesen, dass den Rechten damit Nahrung gegeben wird. Denn Statistiken sind vielseitig lesbar, dass sich, wie bei Sarrazin, nur der xenophobe Diskurs damit durchgesetzt hat, sollte als Symptom und nicht als unverrückbare Wahrheit angesehen werden. Vor allem auch wegen der Unfähigkeit einer Linken, welche nur Übertreibungen und Polemiken parat hatte, anstatt auf die Zahlen einzugehen, konnte sich der rechte Rand als Interpretierer durchsetzen. Das Fatale ist nämlich, dass Sarrazins Zahlen durchaus nicht erfunden oder falsch sind, sondern dass man nur den Xenophoben die Diskurshoheit überlassen hat, anstatt weiter zu differenzieren, die Statistiken aufzuteilen, z.B. in einzelne Herkunftsländer, Bildungsstand, religiöse Richtung, Geschlecht, Alter, etc. Vielleicht wäre dann ein anderes Bild entstanden, vielleicht, dass es ein Schichtenproblem ist, ein Bildungsproblem oder doch ein Akklimatisierungsproblem, auch dank der vielen „Kritiker“.
Nein, ich habe weder die Zeit, noch die Geduld dazu diese Analyse selbst zu übernehmen.

Noch eine Bemerkung zu „Islamophobie“. Mit diesem Wort wird zur Zeit versucht eine Gegenbezeichnung zum Antisemitismus aufzubauen, doch meines Erachtens ist das falsch. Dahinter steckt das alte Bedürfnis den Fremden als Schuldigen auszumachen. Da aus den bekannten Gründen das Judentum nicht mehr so offen beschuldigt werden kann (weshalb sich auch dessen Bruder Antizionismus großer Beliebtheit erfreut – leider in der obigen Befragung nicht erwähnt), bekam der Islam nun das Stigma. Aber es hätte genauso jede andere Gruppe sein können. Natürlich, was kürzlich in Mönchengladbach passiert ist, ist der Integration nicht dienlich. Es ist eine Machtdemonstration der Salafisten, welche das verbriefte Recht auf Versammlungsfreiheit nutzen. Doch auch das muss eine liberale Gesellschaft aushalten. Ich erinnere mich an einen TV-Beitrag dazu, wo ein aufgebrachter älterer Herr zu den Versammlungen sagte, dass man dies verbieten solle, denn wenn es bis zu einer Vergewaltigung eines einheimischen Mädchens komme… Sprach aus diesem Mann wirklich „Kritik“? Oder war da nicht auch die pure Wut auf den Fremden und Andersartigen?

Mir geht diese Debatte seit geraumer Zeit gehörig auf den Keks. Doch wenn ich sehe, wie die xenophoben Vorurteile langsam aber sicher Fuß fassen, wird mir bange. Anstatt sich auf das Phantom „Islam“ zu stürzen, sollten Freidenker und Aufklärer auch dem braunen Dreck innerhalb den eigenen Reihen entgegentreten und ihn nicht noch unterstützen. Da helfen auch Nebensätze zur Distanzierung nichts.

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