„Only Girl (in the World)“ und das Bild des Weiblichen

Veröffentlicht: Januar 23, 2011 in Musik, Popkultur und Freiheit
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Vordergründig wirkt das Video recht einfach.

Zunächst die naive Leseart:
Ja, geben wir es ruhig zu, in dem Lied geht es um Sex. Gänzlich unverblühmt wird die ganze Palette an platten Symbolen abgespult, sexy Kleidchen, Blümchen, eindeutige Posen und ein Text, der nur wenig Zweideutiges zulässt. Wenn man es positiv deuten möchte, haben wir vordergründig einen Song über eine junge Frau, welche klar sagt, was sie will. Sie, und nur sie, scheint die Bedingungen zu setzen, mit welcher das Spiel gespielt werden soll.

Doch spricht die Textur des Videos im Verbund mit dem Text eine andere Sprache. Dabei ist es nicht unwesentlich, dass das Video in einer Wüste spielt. Da idealerweise die Bilder den Text unterstützen sollen, wird zwar vordergründig der Refrain visuell überstrapaziert („Only girl in the world“), auf einer anderen Ebene dagegen ist die Wüste die Frau selbst.
Rihanna singt in dem Clip die Kamera an, der Text richtet sich an einen Mann: Das Video beinhaltet ganz offen den männlichen Blick als Prämisse, es soll ihn ansprechen und animieren. Die Wüste ist innerhalb dieses Blickes das nicht bebaute Land, das erst durch den männlichen Fokus kultiviert werden muss. Dass eines der ersten Objekte, welche in der kargen Landschaft klar erkennbar sind, eine riesige Rose ist, passt dann in dieses Konzept. Über das Bild der Rose muss wohl kein Wort verloren werden. Die Wüste ist entweder leer oder voller Blumen, resp. einer überdimensionerten Rose. Da die Wüste die Leere der Frau im männlichen Blick darstellt (das radikal andere vom eigenen erfüllten Mann-Seins), ist die erste Identität der Frau jene des geschlechtlichen Partialobjektes.
Diese Sichtweise wird weiterhin durch den Liedtext unterstützt, wo der Mann (d.h. der Beobachter) zwar als „man“ angesprochen, die Frau allerdings von sich als „girl“ spricht. Das fertige und damit (end-)gültige Moment wird dem Manne zugeordnet, während die Frau im Status des Mädchens weiterhin als ein Werdendes und damit Unfertiges angesehen wird.

Die Textzeilen

Like I’m the only one that’s in command
Cuz I’m the only one who understands
how to make you feel like a man

verdecken dann auch nur oberflächlich, dass es gar nicht darum geht, dem Mann sein sexuelles Erlebnis zu geben – es geht darum, dem Mann das zu geben, was dieser mehr begehrt als, um mal einen Filmklassiker zu zitieren, den „F*%& des Jahrhunderts“ zu bekommen. Was „sie“ versteht, ist, dass sich innerhalb der patriarchalen Ordnung das „Mann-Sein“ dadurch definiert den Symbolraum zu bestimmen, sprich an der Macht zu sein, weshalb die Zeile auch besagt „like I’m (…) in command“, denn sie ist de facto eben gerade nicht „in command“, es bleibt für sie ein Als-ob, die Kontrolle liegt anderswo. Und in dem Zusammenhang ergeben die vielen „Like I …“ plötzlich einen anderen Sinn. „Sie“ übernimmt eine Rolle innerhalb der patriarchalen Ordnung und besetzt diese nicht mit einem eigenen Denkraum, wie es beispielsweise Künstlerinnen wie Lady Gaga machen, sondern fügt sich der ihr auferlegten Ordnung. Diese erlaubt es ihr sogar von eigener Freiheit zu singen, allerdings niemals dabei den ihr oktroyierten Raum zu verlassen oder gar zu hinterleuchten.
Rihanna (bitte nicht missverstehen: Rihanna nicht persönlich, sondern das Kunstwesen aus dem Video) offeriert sich hier als Anti-Gaga, ihre Befriedigung zieht sie aus dem Als-ob, ihr Platz innerhalb der symbolischen Ordnung ist ein Sekundärer, da sie erst durch die Unterwerfung unter die Symbolwelt des männlichen Blickes (der sie „make me feel like…“) einen Platz angeboten bekommt. Die Differenz zu Lady Gagas Alejandro liegt in dem Punkt: „Only Girl“ hat keinen Platz für das aus sich selbst kommende Weibliche, da sich die dargebotenen Bilder und Phantasien auf männliche Denkräume beschränken: Die Frau entsteht erst durch das Als-ob des Mannes, der zunächst seine Phantasie an die noch jungfräuliche Projektionswand werfen muss, damit die Frau ihr (und damit sein) Begehren an seine Andresse überhaupt ausdrücken kann.

Hinter der Fassade des Song-Textes, dass hier eine junge Frau emanzipiert nimmt, was sie will, spricht das Video also eine andere Sprache. Ihr Wollen ist eine patriarchal gefärbte Phantasie, die dem Weiblichen keinen Raum zur Entfaltung lässt und, mehr noch, die eigene Ordnung als Begehren der Frau darstellt.

Auch:
„Alejandro“ von Lady Gaga: Von der Unmöglichkeit des Weiblichen

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Kommentare
  1. Alicia sagt:

    I miss my „monday morning motivator“ :-(

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