Thomas Bernhard zum 80sten

Veröffentlicht: Februar 9, 2011 in Allgemeines, Bücher, Kultur
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Nur wenige prägten die europäische Literatur so wie Thomas Bernhard.

Den ersten Kontakt mit Bernhard hatte ich noch auf dem Gymnasium, ein Deutschlehrer, welcher gerne von sich und seinen Hunden sprach, outete sich als Bernhard-Fan. Die Schulbibliothek hatte „Frost“. Als junger Mann wirkte das Buch wie ein Abgrund auf mich, keine Seite verging ohne dass von Tod oder Krankheit die Rede war, der verstörende, indirekt erzählte, Monolog des Malers Strauch war etwas, das ich zu dem Zeitpunkt noch nie gelesen hatte. Nach und nach verschlang ich jede bernhardsche Prosa, wobei mich das Theater generell nicht so sehr interessierte, dennoch Stücken wie „Heldenplatz“ etwas abgewinnen konnte.

Doch ist es wirklich diese tiefe Trauer und Jämmerlichkeit in den Texten, welche Bernhard so einzigartig machte? Heutzutage, wo auch mittelmäßige Schriftsetzer sich an Jammer-Literatur versuchen (Houellebecq würde ich gerne nicht namentlich nennen…), war doch immer etwas Monsterhaftes in Bernhards Werk. Die Wortkomposita, die vielen Wiederholungen, die langen Sätze, sie alle verbanden den sich zu einer existentialistischen Performance. Und mittendrin war immer der Tod. Doch anstatt sich diesem Tod hinzugeben, liegt in Bernhards kraftvollen Worten immer eine Revolte. Der Tod ist unausweichlich. Und alles wird lächerlich, wenn man an den Tod denkt. Und somit wird nicht der Tod und Trauer und Krankheit und Depression das alles umwehende Moment, nein, es ist die Lächerlichkeit. Der Mensch in seiner existentiellen Nacktheit ist lächerlich. Und vielleicht gilt es auch diesen Bernhard neu zu entdecken, den Bernhard der Lächerlichkeiten des Daseins. Wenn wir glauben uns durch Ideologie definieren zu müssen . lächerlich, wenn wir unsere Weltdenkgebäude errichten – lächerlich, wenn wir Preise für unsere Leistungen bekommen – lächerlich. Die Welt ist voller Geistesstümper und der Kleiderhausprobierzellenschlag ist vielleicht die unerkannte Todeskrankheit überhaupt.

Bernhard lesen heißt dem Menschsein in seinem grandiosen Scheitern zu sehen, wo derjenige, der sich wichtig nimmt, der größte Clown von allen ist. Manege frei, was hat die Welt noch zu sagen, wenn die größten Clowns das Sagen in der Welt haben?

Bernhard war auch das hämisch lachende Gewissen Österreichs. Als Land, das sich seiner Geschichte zu Recht rühmt aber dann sich als Opfer der Rechten darstellt, war Bernhard immer ein Dorn im Auge. Österreich war das große Schweigen, das Schieben auf den Anderen, das Waschen in Unschuld und das, was früher Recht war, konnte später nicht plötzlich Unrecht sein? Österreich war das Land der Enge, des wegen überstürzt Naziflaggenverstecken verrenkten Hälse, das Land der Ohrensessel aus denen man schlechte Schausteller beobachtet, das Land, das Unfähige und Dummköpfe bewundert. Und Österreich war nur pars pro toto, Österreich ist die ganze lächerliche Welt, die ganze Welt ist ein lächerliches Österreich.

Heute wäre Thomas Bernhard 80 Jahre alt geworden.

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