Archiv für Mai, 2011

Von Robert Pfaller:

Noch in einem weiteren Zusammenhang begegnet am Beginn des 21. Jahrhunderts ein solcher abrupter Wechsel der Wahrnehmung von etwas, das bislang als mondän und gesellig galt, zu einem Objekt des geekelten Anstoßes: am Beispiel des Umgangs mit der Tabakkultur. Eine Politik, die offenbar nichts Besseres oder Wichtigeres zu tun hat, ergeht sich europaweit in der gouvernantenhaften Erlassung von immer lückenloseren und strikteren Rauchverboten im öffentlichen Raum; unterstützt von einer massiven Medienpropaganda und einer dementsprechend
erregten öffentlichen Meinung, bei der rauchende Personen zunehmend zu Unpersonen geraten. (…) Mit grenzenloser Aggression äußern selbstberufene Gesundheitsapostel immer neue Schreckensmeldungen über die Schädlichkeit des Tabakgenusses und insbesondere des Passivrauchens; keine pragmatische Reglung welcher Art auch immer erscheint ihnen gangbar. Sie wollen ein Kulturphänomen total aus der Öffentlichkeit vertilgen und liquidieren. (…)
Da diese Gesundheitspolitik mit ihrer blendenden Erscheinung die ganze Bühne der Problemwahrnehmung für sich einnimmt, geraten auch in diesem Fall die politischen Hintergründe und Gefahren schnell aus dem Blick: vor allem wird dadurch der Umstand kaschiert, dass die Rauchverbotsdebatte nur der erste Schritt einer voranschreitenden Biopolitik ist, die das gesellschaftliche Solidaritätsprinzip bei der Krankenversicherung außer Kraft setzen und Krankheit in Zukunft als etwas Selbstverschuldetes und mithin zu Bezahlendes begriffen wissen will. Ebenso lässt die aufgeregte Behandlung des Themas vergessen, dass die Politik der Rauchverbote ein typisches Beispiel für Pseudopolitik ist: Sie wird betrieben von Regierungen, die sich äußerst willfährig zeigen, wenn es darum geht, andere Fragen, die von entscheidendem gesellschaftlichen Interesse sind (wie z.B. Fragen des Zugangs zu Infrastruktur, Ressourcen und Bildung, der Sozial- und Altersvorsorge oder der Lebensmittelkontrollen), dem freien Markt zu überantworten: dafür spielen sie dann eben in einer unbedeutenden Nische ein bisschen Autorität und stellen dort ein kleines Stück heile Welt her. Eine Politik, die ihre entscheidenden Aufgaben verabsäumt, wird, um davon abzulenken, gern auf einem Nebenschauplatz hyperaktiv. Selbst wenn ihre dort getroffenen Aufgaben vernünftig wären (was bei den Rauchverboten durchaus fraglich ist), müsste die Gesellschaft ihnen darum Widerstand entgegensetzen – um dessen willen nämlich, was ihr durch eben diese Maßnahmen vorzuenthalten versucht wird. Denn Vernunft besteht eben nicht darin, zuerst und ausschließlich dort vernünftig zu sein, wo es leicht und bequem ist.

Pfaller, Robert: „Das Schmutzige Heilige und die reine Vernunft“, Fischer 2008, S. 14f.