Weihnachtsfloskeln

Veröffentlicht: Dezember 26, 2011 in Allgemeines, Philosophie, Religion, Uncategorized
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Staatspräsidenten tun es, Päpste tun, es Monarchen tun es und wenn man sich das eigene Umfeld ansieht, findet man gewiss viele Stimmen, die es ebenfalls tun.

Weihnachten ist nicht nur ein Fest, es ist ein Zeichensystem, wo alles, was uns lieb und unlieb ist, in einer grotesken Melange verschwimmt. Am groteskesten erscheint aber die Tatsache, dass jeder daran teilnimmt und gleichzeitig darüber meckert, jeder sich gleichzeitig kritisch-mutig und unterdrückt, gutmütig und ego-schmeichelnd vorkommen kann.

Alle diese Stimmen von Seitens der Mächtigen, Medienvertretern und sich klug vorkommenden Mitmenschen gegen fehlende Werte, Materialismus und Konsum haben gar keine inhaltlichen Berührungspunkte mit der ideologischen Grundverfassung unserer Gesellschaft. Die Floskeln gegen den Weihnachtsstress sind, wenn man sie bis entkleidet hat, genau diesem Geist der Konsumierung zuzuordnen, die Inhalte der Weihnachtsreden haben überhaupt nicht den Sinn zu mehr Besonnenheit aufzurufen, ganz im Gegenteil. Sie sind eine Form des Ventils, sagen um gesagt zu haben, passive Katharsis durch den Genuss des eigengefälligen Suhlens in einem undurchdachten Brei von Einstellungen und Ideologien, wo man gegen das sein kann, was man am meisten unterstützt. Nicht umsonst wird mit kapitalismuskritischen Büchern und Filmen ein Milliardenumsatz erzielt, Che Guevara grinst von T-Shirts für rebellische 25 Euro. Weihnachten ist eine sichere Gelegenheit, die Widersprüchlichkeiten des zeitgenössischen ideologischen Überbaus in einem eklektischen Orgasmus zu entladen. Wenn die Revolution kommt, will man dabei gewesen ein – den ersten Schritt sollen aber immer die anderen tun.

Nehmen wir den Hit von Band Aid, „Do they know it’s Christmas?“. Auch wenn das Lied schon sehr betagt ist, wird in seiner Naivität dieser Zwiespalt zwischen geheucheltem Mitleid und Chauvinismus sehr deutlich. Vordergründig will man den Armen helfen und zieht drastische Bilder heran um dementsprechend mächtig auf die Tränendrüse zu drücken. Gleichzeitig fragt man sich, ob die Armen denn wissen, dass „Christmas time“ ist, das heisst, ob sie willig sind die westlich-katholische Diskurshegemonie anzunehmen und diese Tage als gottgegebene Referenzpunkte zu übernehmen. Das Lied versteckt nur rudimentär, dass es ein Missionierungsauftrag erfüllen soll und der eurozentristischen Weltdeutung (zu der auch Amerika zählt) eine primäre Stellung gegenüber anderen Kulturen zuweist. Dass diese reaktionäre Botschaft hinter den Bildern von hungernden Kindern bestehen bleiben kann, ohne dass es ein Aufschrei gibt, ist dem ideologischen Selbstverständnis unserer aktuellen Kultur verschuldet. Der Trend zum weltverbesserischen Imperialismus macht auch vor Weihnachtsliedern nicht halt. Einerseits zeigt man Mitleid und spendet, andererseits ist ein unterschwellig empfundenes Supremat der eigenen Vorstellungen ständig präsent.

Weihnachten bietet die seltene Chance die ganze symbolische Ordnung, an deren Widerspenstigkeit der Alltag gerne scheitert (und somit den apolitischen, sprich postdemokratischen Menschen produziert) wieder zu einem konsistenten Weltbild zu vereinen, indem er Floskeln bereitstellt und sich gleichzeitig davon distanzieren kann. Ähnliches gilt für den Karneval und immer mehr für die aktuell entstandene und entstehende Protestkultur: Das Gefühl eines gewissen Unbehagens hat nichts mehr mit Realem zu tun, dieses findet längst auf ganz anderen Schichten statt, die von der Masse gar nicht mehr gefunden werden wollen. Der Rest ist Wellness-Programm.

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