Ideologie und Reproduzierbarkeit

Veröffentlicht: April 22, 2013 in Kultur, Lesestoff, Popkultur und Freiheit
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Vor kurzem lief im Deutschlandfunk eine Reportage über Musiktonträger und Musikmarkt*. Es ging um Schallplatten, CDs, Musikkassetten und Internet, Verkaufsboom und deren Einbrüche. Musik aufzunehmen bedeutet Risiko. Doch was, wenn unsere Herangehensweise an Musik und deren Vermarktung eine ideologische Komponente beinhaltet?

Die Musik funktionierte Jahrhundertelang ohne Tonträger. Sie war Unterhaltung für Eliten oder kam von Gauklern auf Märkten, gegebenenfalls spielte der Bauer abends auf seiner Mandoline eine Volksweise. Professionelle Musiker standen entweder im Dienste eines Gönners oder waren näher am Bettler als am Musiker. Die Rolle des Mäzen hat heute für gewöhnlich die Allgemeinheit übernommen, Musik wird in kleinen Happen von der Masse gekauft und sichert so das Brot des Musikers. Soweit so bekannt.

Jetzt setzt allerdings ein Phänomen ein, das ich an dieser Stelle „ideologisch“ nenne, zunächst historisch: Wie gehen wir an Musik heran? Vor der Erfindung des Tonträgers war Musik dieser flüchtige Moment des Musik-Geschehens. Musik wurde gespielt und das war es – wenn der Ton verklungen war, war er unwiderruflich weg. Durch die maschinelle Produktion hingegen wurde der einmal gespielte Ton zur Massenware, die Wiederholbarkeit des Tones stellte die Referenzfrage was gut und schlecht, richtig und falsch sei, auf den Kopf. Es wurde nun möglich Relationen zwischen den einzelnen Aufnahmen zu machen. Was prinzipiell eine gute Sache ist (Jazzfans wissen um die Sprengkraft von Liveaufnahmen und das Vergleichen der einzelnen Auftritte), kann sehr schnell in eine Kanonisierung umschlagen. Dieses Ideal ist recht neuen Datums: die Freiheit des Barock wich der Strenge der Klassik – während es beispielsweise keine eindeutige Art und Weise gibt Bach zu spielen, legten Hayden und Mozart alles detailliert fest. Damit kam die Idee des Originals auf. Während vorher das Original immer wieder neu intoniert werden musste und verflog, wenn es bis gespielt war, wurde nun der erste Schritt zur Reproduzierbarkeit gelegt. Dieser war aber nur schriftlich vorhanden, vom Notenblatt zur Tonaufnahme bedurfte es noch einiger Schritte. Tonträger ermöglichten später das direkte Vergleichen. Daraus kann man als Hörer seine Vorteile ziehen – man vergleiche nur mal die in Höhen und Tiefen ausgeklügelte Aufnahme Georges Szells von Dvořáks Neunten mit den bombastischeren Klängen unter Paavo Järvi.

Aber, und nun komme ich zu der ideologischen Komponente, kann es auch andere Nebenwirkungen mit sich ziehen: Durch die Verflachung der Musik zugunsten einfacherer Zugänglichkeit kam die Illusion des „Originals“. Das Original, d.h. die Referenzaufnahme, kam von Platte. Dies ist nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass manche Musik allgegenwärtig ist und nur eine Version, die sogenannte „Single“, gespielt wird. Jede Abweichung davon ist entweder „Remix“ oder wird gar vom unbedarften Hörer als falsch empfunden. Besonders kann man das bei Live-Aufnahmen merken, wo das anders spielen oder gar improvisieren besonders kritisch gesehen wird (unter Liveaufnahmen von Rocksongs kann man z.B. bei youtube sehr aufschlussreiche Kommentare lesen, falls eine Band es mal wagt etwas abzuändern). Durch diese Referenznahme wird die Plattenaufnahme zum Nonplusultra, das Lebendige und Flüchtige der Musik verschwindet. Besonders heute, wo viele „Konzerte“ nur noch durch das drücken eines Start-Buttons am Computer bestehen, ist diese durch die Ideologie des Originals geprägte Herangehensweise an Musik offensichtlich, wie soll auch dort etwas Lebendiges entstehen, wenn jeder Ton bereits im Voraus bekannt ist?

Kurzum: Der Künstler verkommt zu einem Medium seines Original-Werks. Das Bild des Musikers, das durch den Tonträger im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, entsteht, beinhaltet eine Entwertung des Geschaffenen. Die Spontaneität des erschaffenen Tones weicht der Erwartungshaltung des auf das sogenannte Original gedrillten Publikums.

Nur mit diesem Hintergrund ist es möglich, die fälschliche Idee aufrecht zu erhalten, dass es ein Original gibt und dass dieses Original, nicht das Beherrschen eines Instrumentes, die eigentliche Leistung wäre. Durch diese Verschiebung des Leistungsgedankens gewinnt die Tonaufnahme einen änderen Stellenwert in direkter Relation zur Liveperformance: Das Konzert wird zum Zusatz, ein Anhängsel des Originals der Platte. Besonders im Pop und Rockbereich ist diese Auffassung allgegenwärtig. Wie befremdlich wirken heutzutage die endlosen Improvisationen von Amon Düül gegenüber den präzisen Reproduktionen Dream Theaters oder Pink Floyds, von David Guetta und Skrillex ganz zu schweigen?

Das Aufkommen der Tonaufnahme und deren einfache Reproduzierbarkeit brachte dem ideologischen Eindruck, welchem der Musiker und sein Werk unterworfen wurde, nicht nur Gutes. Und es ist in diesem Geiste auch nicht verwunderlich, dass es einfach wird ein Urheberecht zu formen, das der Lebendigkeit der Musik nicht mehr angemessen ist. Wenn heutzutage jeder, der mit seinen drei Akkorden stümperhaft ein Lied für seinen youtube-Channel covert, prinzipiell verklagt werden kann, so atmet diese Herangehensweise an Musik den Geist der beschriebenen Ideologie: Nicht die Lebendigkeit des Musikers und sein Ausdruck zählt, sondern das festgeschriebene Gesetz des sogenannten Originals.

In den Anfangstagen des Tonträgers waren Musiker Interpretatoren. Sie waren keine Nachspieler oder gar Plagiateure. Ihr Verdienst war es nicht ein Original zu schaffen, sondern die Mittel ihrer Interpretation, egal ob fremd oder eigen, zu erweitern und zu verbessern. Jetzt, wo die Ära des Tonträgers sich seinem Ende zuneigt und durch das Internet neue Wege gefunden werden müssen, hat man vielleicht den Blick wieder freier um die Aufnahme als das zu betrachten, was sie immer war: ein kurzes Zurückholen, aber eben nur ein Abklatsch der Magie eines sehr flüchtigen Live-Momentes. Diese Sichtweise einer ungerechtfertigten Hochschätzung auf das „Original“ kann zurückgeschraubt und endlich wieder Musik in ihrer Lebendigkeit begriffen werden. Dazu bedarf es aber dem Verständnis, dass unsere heutige Herangehensweise an Musik ideologisch gefärbt ist und dass etwas, das wir als Original verstehen, gar nicht so wichtig ist, wie dem Konsumenten seit Jahrzehnten eingetrichtert wird. Die Auflösung des Tonträgers hin zum Virtuellen des Internets, kann als Chance begriffen werden den Musiker und sein Werk endlich wieder ernst nehmen zu können.

*„Musikszene – Von der CD zur Cloud: Über das Verschwinden der Tonträger“ von Raoul Mörchenleider, Deuschlandfunk 22.April 2013, 20h10. Leider nicht online verfügbar.

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